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SP will Strasse nach Gründer benennen

Er war Stadt- und Kantonsrat, SP-Mitglied und Anführer der Rapperswiler Streikbewegung von 1918: Wilhelm Bürgler. Just 100 Jahre nach dem Generalstreik fordert die SP Rapperswil-Jona erneut, dass die Stadt eine Strasse nach ihrem Parteigründer benennt.

Eva
Pfirter
Mittwoch, 07. November 2018, 17:57 Uhr Rapperswil-Jona
Träumt von einem Wilhelm Bürgler Weg: SP-Co-Präsident Eduard Hirschi an der Weggabelung des Liberalen Hans Rathgeb.
EVA PFIRTER

Er war es sich gewohnt, dass freisinnige Politiker auf ihn schossen, zumindest verbal.  Das konnte den Rappperswiler Politiker Wilhelm Bürgler weder stoppen, noch war es seiner Beliebtheit abträglich. Der SP-Mann, der die heissen Tage zwischen dem 12. bis zum 14. November 1918 am Obersee entscheidend mitprägte, gilt aus heutiger Sicht als Anführer des Generalstreiks in Rapperswil. Wie der Historische Verein des Kantons St.Gallen in ihrem 154. Neujahrsblatt schreibt, habe Bürgler Eisenbahner und andere Arbeiter dazu aufgefordert, militärischen Aufgeboten keine Folge zu leisten und «Tornister und Gewehr ruhig im Kasten zu lassen».

4000 Streikende in Rapperswil

Auch von Bürglers überregionaler Ausstrahlung berichtet das Neujahrsblatt 2014: Gemäss der Berichterstattung der «Rapperswiler Nachrichten» seien am 12. November auch  zahlreiche streikende Arbeiter aus dem zürcherischen Rüti – in der «Volksstimme» ist gar von 2000 die Rede – in die Hauptstadt des Seebezirks geströmt, um sich mit der dortigen Bewegung zu solidarisieren, so dass schliesslich eine Versammlung von bis zu 4000 Personen zustande kam. Schweizweit beteiligten sich 250 000 Arbeiter und Gewerkschafter am Landesstreik. Das Ereignis, das sich heuer zum 100. Mal jährt, gilt als eine der wichtigsten gesellschaftspolitischen Auseinandersetzungen der schweizerischen Zeitgeschichte. 

Wilhelm Bürgler war aber nicht nur Anführer des Rapperswiler Streiks, sondern auch Begründer der SP Rapperswil-Jona. Letztere will ihm deshalb nun einen gebührenden Platz in der Stadt zukommen lassen – oder genauer gesagt: eine Strasse nach ihm benennen. Bereits im Mai 2016 hatte die Partei eine entsprechende Eingabe lanciert, war dann aber vom Stadtrat vertröstet worden. Der Grund: Die Exekutive zog es vor, einen Historiker mit der Sache zu betrauen.

Frauen sollen zum Zug kommen

Inzwischen liege der Bericht vor, wie die SP in einer Medienmitteilung schreibt. Fazit: Wilhelm Bürgler wird in einen «Ideenpool» mit weiteren Personen aufgenommen, die allenfalls für eine Namensgebung in Frage kommen. Der Stadtrat möchte zudem bei künftigen Strassenbenennungen Frauen stärker berücksichtigen – ein Argument, das die SP als «scheinheilig» bezeichnet, denn in besagtem Ideenpool stünden derzeit vier Frauen sechs Männern gegenüber.

Doch damit gibt sich die SP Rapperswil-Jona nicht zufrieden. Sie will ihren Begründer geehrt wissen, und zwar als Pendant zum freisinnigen Lokalpolitiker Hans Rathgeb, nach dem bereits eine Strasse benannt worden ist. Die Parallele zwischen Rathgeb und Bürgler habe der ortsansässige Historiker Basil Vollenweider in seinem Gutachten bestätigt, schreibt die SP. «Wir möchten die Bevölkerung auf Wilhelm Bürgerls Verdienste aufmerksam machen», sagt Co-Präsident Eduard Hirschi auf Anfrage. Der Entscheid des Stadtrats sei alles andere als nachvollziehbar. «Wilhelm Bürgler soll seinen verdienten Platz in der Stadt bekommen.»

«Ungünstiger Moment»

Stadtpräsident Martin Stöckling (FDP) hält den Moment jedoch für suboptimal, wie er auf Anfrage erklärt: «Wenn wir just in diesem Jahr eine Strasse nach Wilhelm Bürgler benennen, stünde der Jahresstreik im Zentrum und nicht die Person.» Die Stadt könne sich aber grundsätzlich gut vorstellen, dereinst eine Strasse oder einen Platz nach der örtlichen SP-Ikone zu benennen.

Die SP ist jedoch überzeugt, dass andere Beweggründe zum ablehnenden Entscheid geführt haben. Sie vermutet nämlich einen Zusammenhang zwischen dem Nein und den Mehrheitsverhältnissen im Stadtrat: «Der bürgerliche Stadtrat möchte Bürglers Verdienste im Zusammenhang mit dem Generalstreik 1918 unter den Teppich kehren», schreibt die SP in ihrer Mitteilung. Konkret etwas gegen den Entscheid des Stadtrats unternehmen könne die Partei aber nicht, sagt Eduard Hirschi. Mit ihrer Medienmitteilung wolle die Partei aber an die Verdienste von Wilhelm Bürgler vor exakt 100 Jahren erinnern und der Bevölkerung aufzeigen, dass sie den Entscheid des Stadtrats nicht nachvollziehen können.  

Feier zu Ehren des Generalstreiks
Im November jährt sich die grösste Massenstreikbewegung der Geschichte der Schweiz zum 100. Mal. Zwischen dem 7. und dem 14. November 1918 folgten 250.000 Arbeiter dem Streikaufruf des Oltener Aktionskomitees. Dieses forderte unter anderem den Achtstundentag, das Frauenwahlrecht und eine Alters- und Invalidenversicherung. Der Streik wurde abgebrochen, ohne dass die Forderungen erfüllt worden wären. Dennoch markiert er die entscheidende Weichenstellung, denn in seiner Folge kam es zu Fortschritten bei den Arbeitsbedingungen, in der Sozialpolitik und der politischen Partizipation. Welche Bedeutung hat der Streik für heute und wieso ist er immer noch aktuell? Weshalb begann der Streik in Rapperswil einen Tag früher als in der restlichen Schweiz? Am Samstag, 17. November, ab 17 Uhr, gehen Paul Rechsteiner, Barbara Gysi und Claudia Friedl zusammen mit dem Historiker Basil Vollenweider in der Alten Fabrik Rapperswil diesen Fragen auf den Grund. Der Eintritt ist frei. (ep)

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