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Exklusiv: Ju-Air-CEO erzählt von der Trauer und vom Weitermachen

Zwei Monate nach dem Absturz der «Tante Ju» oberhalb von Flims hat RSO-Moderationsleiter Simon Lechmann den Chef der Ju-Air, Kurt Waldmeier, zum Gespräch getroffen. Entstanden ist ein ganz persönlicher Bericht über Trauer, Fassungslosigkeit und das Weitermachen.

Südostschweiz
Freitag, 12. Oktober 2018, 04:30 Uhr Interview

 von Simon Lechmann und Oliver Fischer

«Ich war am Nachmittag noch selbst fliegen mit meinem Sohn zusammen. Ich habe dann einen Anruf erhalten, dass der ELT der HB-HOT losgegangen sei. Das ist ein Gerät, das es in jedem Flugzeug gibt und das sich auslöst, wenn es einen Aufprall mit mehr als 5G gibt und so ein Notsignal sendet. Wenn man das empfängt, weiss man, da ist etwas passiert, da gibt es einen Notfall. Genau das ist da passiert.»

Es ist Samstag, der 4. August, kurz nach 17 Uhr, als Kurt Waldmeier, der CEO der Ju-Air diesen Anruf erhält. In diesem Moment ist nichts mehr, wie es war. Die «Tante Ju» mit dem Flugzeug-Kennzeichen HB-HOT ist an der Westflanke des Piz Segnas oberhalb von Flims abgestürzt.

Zum ersten Mal seit den Tagen nach dem Absturz hat Waldmeier über die Stunden, Tage und Wochen nach dem tragischen Unglück gesprochen und Radio-Südostschweiz-Moderationsleiter Simon Lechmann einen exklusiven Einblick in sein Innenleben gewährt.

Waldmeier erinnert sich an die ersten Minuten, nachdem er ins Air Force Center in Dübendorf geeilt war:

«Ich bin zusammen mit meiner Partnerin sofort zu Hause los und nach Dübendorf gefahren. Dort habe ich beim Rescue Büro angerufen und dort hiess es, man könne mir nichts sagen, ich müsse mit der Bündner Polizei Kontakt aufnehmen. Das habe ich dann gemacht und ich muss Ihnen sagen, es war ganz, ganz schwierig, überhaupt an Informationen heranzukommen. Ich wusste einfach, es war etwas Furchtbares passiert.»

Und trotzdem, im ersten Moment lebt die Hoffnung, es möge nicht der schlimmste Fall eingetreten sein:

«Ich habe aber auch gehört, Helikopter seien am Shutteln, was mir in dem Moment Hoffnung gab, dass die Menschen vielleicht nur verletzt sind.»

Dass er, der Verantwortliche der Firma, die von einem womöglich unfassbaren Unglück betroffen ist, keine Informationen erhält, trug und trägt er mit Fassung. Ja, er sagt gar:

«Ich glaube schon, dass das so richtig ist. Die Polizei muss zuerst die wichtigen Facts und Figures haben. Sie haben zuerst einmal alles bei sich behalten. Ich habe bis heute offizielle keine Angaben zu den Opfern von der Polizei erhalten, das ist halt einfach so. Ich glaube, sie haben da einfach ihre Normen, die sie einhalten. Und sie haben ja mehr Erfahrung mit solchen Situationen als wir.»

Für ihn und sein direktes berufliches und privates Umfeld waren diese ersten Stunden der Ungewissheit eine enorme Belastung:

«Wir sind praktisch von Null aus in diese Situation gestiegen. Wir haben das Couvert, das wir für solche Notfälle haben, aufgemacht und sind nach einer vorbereiteten Checkliste vorgegangen. Dank dem, dass wir sehr viele Leute kennen und uns viele Leute unterstützen, hatten wir auch schnell ein Care-Team da, welches die Leute, die hier gewartet haben, betreuen konnte. Es war für uns eine schwierige Situation, aber alle Leute um mich herum – meine Partnerin, mein Sohn, der Chef Operation und der technische Chef –, die haben das sensationell gemeistert.»

Es ist 21 Uhr, als die traurige Gewissheit nach Dübendorf dringt: Alle Menschen, die an Bord der Ju-52 waren, sind beim Absturz ums Leben gekommen, 17 Passagiere und drei Besatzungsmitglieder. Es war die härteste Belastungsprobe für Kurt Waldmeier:

«Wissen Sie, in dieser Situation, in der ich da war, da habe ich einfach funktioniert. Ich habe geschaut, dass die Angehörigen von den Care-Teams betreut werden. Auch für die Angehörigen braucht es eine gewisse Zeit, um das überhaupt zu realisieren, aufzunehmen und damit umgehen zu können, dass jetzt jemand von seinen Geliebten weg ist, und dass das jetzt endgültig ist. In dem Moment ist man kaum in der Lage, etwas zu erfassen... Man ist sprachlos »

Und an Schlaf war in dieser Nacht nicht zu denken:

«Nein, natürlich nicht. Natürlich nicht. Da liegt man die ganze Nacht wach.»

Wie aber macht man weiter, wenn diese schreckliche Gewissheit da ist? Wenn der schlimmstmögliche Fall eingetreten ist.

«Ich bin ein Realist, der sagt: Was passiert ist, ist passiert. Ich war in dieser Trauer und musste in der Trauer entscheiden, wie es weitergeht. Ich habe dann auch als Vorsitzender dieser Firma gesagt, bis zum 16. August sind wir in dieser Trauer – und die Trauer geht ja auch weiter und die muss man verarbeiten – aber es muss weitergehen.»

Wie geht es weiter? Was geht einem durch den Kopf? Denn ja, klar – weitergehen muss es, irgendwie.

«Ich habe gesagt, wir machen am 16. eine Gedenkfeier mit allen freiwilligen Helfern, die seit Jahren hier arbeiten, und am 17. nehmen wir gegen Abend den Flugbetrieb wieder auf. Ich hatte auch sehr viele Signale von den Angehörigen, die gesagt haben: Es ist ganz schlimm, was passiert ist, aber fliegt weiter. Schaut, dass es weitergeht.»

Abgeschlossen wird die Bewältigungs- und Trauerarbeit noch lange nicht sein. Weder für Waldmeier, noch für die Ju-Air, und am allerwenigsten für die Angehörigen der Opfer. Ein ganz wichtiger Moment für die Aufarbeitung war für Waldmeier und die Angehörigen aber sicher der 15. September:

«Ich war am 15. September mit 60 Angehörigen dort und wir haben eine Gedenkfeier abgehalten. Das hat mir sehr viel gebracht, vor allem mit den Angehörigen dort sein zu dürfen. Und ich glaube, es hat auch den Angehörigen sehr viel gebracht, weil das wirklich nur für sie war. Ohne Presse, ohne sonst irgendetwas. Das war ein sehr schöner Anlass.»

Heute, zwei Monate nach dem Unfall, steht die Welt nicht mehr still, dreht sich aber immer noch langsamer:

«Jetzt ist man zwar noch in Trauer, verarbeitet das aber langsam und es gibt auch positive Erlebnisse, die einen wieder aufrichten. Ich glaube, vergessen kann man das nicht. Das ist ganz klar. Aber, man kann auf eine positive Art und Weise den Weg weitergehen, wie man das im Leben auch mit anderen Ereignissen hat. Wenn man jemanden seiner Liebsten verliert, vergisst man den ja nicht, aber man sucht neue positive Dinge, die einem im Leben Freude machen.»

Das ganze Gespräch zwischen Simon Lechmann und Kurt Waldmeier, könnt Ihr Euch hier anhören:

Exklusiv-Interview mit Ju-Air-CEO Kurt Waldmeier.

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