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Im Heim das Essen aus fremder Welt geniessen

Flüchtlinge bekochen das Heim: Eine Gruppe aus Eritrea verwöhnte die Bewohnerinnen und Gäste im Weesner Wohnheim St. Josef mit einem köstlichen Mittagessen.

Südostschweiz
Freitag, 08. Juni 2018, 04:30 Uhr Eritreer machen das Mittagessen
Die Männer und Frauen aus Eritrea kochen für die Bewohnerinnen des Wohnheims St. Josef.
GABI HEUSSI

«Einen so weiten Weg nimmt man nur unter die Füsse, wenn es zu Hause ganz schlecht geht.»

Drei Frauen mit ihren kleinen Kindern und drei Männer, alle aus Eritrea, standen von Montag bis Mittwoch immer wieder in der grossen Küche des Wohnheims St. Josef in Weesen. Sie zauberten Düfte in die Räume, die dort ansonsten kaum zu erschnuppern sind.

Die Idee, fremde Kulinarik ins Wohnheim zu bringen, hatte Heimleiter Christof Neurauter schon vor längerer Zeit. «Bei uns arbeiten Menschen aus verschiedenen Ländern. Ihre Essgewohnheiten bei uns einzubringen, wollte ich zu einem eigentlichen Projekt machen», erklärt Neurauter. Eritrea sollte den Auftakt machen.

Neurauter fragte Katharina Gubser, Leiterin der Quartierschule, die im Pavillon des Wohnheims untergebracht ist, an, ob sie bei diesem Projekt mitmachen möchte. Sie liess sich schnell von der Idee begeistern und begann mit ihren erwachsenen Schülern aus Eritrea, die Rezepte in Deutsch zu verfassen, Wörter rund ums Kochen zu lernen und den Anlass vorzubereiten.

So fanden sich am Montagmorgen zum ersten Mal die motivierten Köchinnen und Köche im Wohnheim ein und erhielten einen Eindruck von der Grossküche sowie der Geräte – zudem lernten sie die Mitarbeiter kennen. Einer davon, Mogos Mhretab, kommt ebenfalls aus Eritrea. Er lebt seit 2013 in der Schweiz und ist seit dem 1. Januar fest im Wohnheim angestellt.

Nach den ersten Eindrücken wurde Weiss- und Maismehl abgewogen, mit einem mitgebrachten Vorteig gemischt und anschliessend in grossen Behältern von Hand mit viel Wasser verrührt. Mitten in der Küche kneteten die drei Frauen mit ihren Babys auf dem Rücken, lachten und plauderten unbeschwert gemeinsam in ihrem kehligen Dialekt– man fühlte sich fast in Eritrea, wäre nicht die satte grüne Landschaft zu sehen und der Duft von taunassem Gras durch das Fenster gedrungen.

Unmenschliche Verhältnisse

Am Dienstagmorgen standen sie erneut da, holten den Teig hervor und stellten daraus Unmengen von omelettenähnlichen Fladen her. Diese legten sie auf Tüchern aus, liessen sie leicht antrocknen und stapelten sie aufeinander. Abgedeckt wurden sie beiseite gelegt, um sie tags darauf zu servieren.

Mittwochmorgen: In der Kapelle des Wohnheims flimmern Bilder aus Eritrea über die Leinwand. Christof Neurauter und Katharina Gubser bringen den Bewohnerinnen das Land näher: Sie erzählen von den Tieren, der Landwirtschaft und der Regierung Eritreas. Und darüber, wie die Menschen dort in ständiger Angst leben müssen und weshalb sie flüchten. «Einen so weiten Weg nimmt man nur unter die Füsse, wenn es zu Hause ganz schlecht geht», so Neurauter.

Auch die Männer und Frauen aus Eritrea sind in der Kapelle. Sie stellen sich vor und erzählen kurz von ihrer Heimat, die eine so einmalige Natur aufweise. Das Publikum staunt und versucht, diese zum Teil unmenschlichen Verhältnisse zu verstehen.

Strahlende Augen, lobende Worte

Dann geht es zurück in die Küche, wo Mogos bereits am frühen Morgen Fleisch mit Sauce und Linsen an Tomatensauce gekocht hat. Die Bewohnerinnen sitzen inzwischen schon an ihren Tischen und freuen sich auf dieses ausgefallene Essen. «Wunderbar hat es heute Morgen aus der Küche geduftet», ruft eine Bewohnerin auf dem Weg zum Mittagstisch. Nach dem Salat servieren die Gastköche und zeigen, wie die Omeletten gefaltet, befüllt und ausschliesslich mit der rechten Hand gegessen werden. Nicht allen will es ganz gelingen, aber der Wille ist da und die Unterstützung ebenfalls.

Strahlende Augen und lobende Worte der Heimbewohnerinnen zeigen, dass das Essen mundet und jederzeit wieder willkommen ist. «Ihr dürft gerne wiederkommen, um bei uns zu kochen», betont Neurauter bei der Verabschiedung der Gruppe aus Eritrea und stösst dabei auf offene Ohren.

Geplant ist vorerst, dass im September Speisen aus Sri Lanka, dann aus Kongo, Tibet und Portugal an der Reihe sind. «Denn aus diesen verschiedenen Ländern arbeiten Menschen bei uns», so Neurauter abschliessend.

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